Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

MEIN INNERES TEAM VERSTEHEN UND STÄRKEN
„Sei mehr Pippi, weniger Annika.”
Als ich diesen Post zum ersten Mal in den sozialen Medien las, fühlte ich mich sehr betroffen. Ich wäre ja auch gerne Pippi – sie ist eindeutig die Coolere von beiden.
Aber ich bin tief verbunden mit Annika. Ihrer ruhigen, empfänglichen Art. Egal wie verrückt Pippi sich verhielt: Annika blieb offen, neugierig und herzlich. In dieser Gegensätzlichkeit entstand eine Freundschaft, die gerade durch ihre Unterschiedlichkeit fasziniert.
Und wenn wir genauer hinschauen: Pippi braucht Annika genauso. Sie ist ihr Ruhepol – bedacht, zurückhaltend, rücksichtsvoll. Anteile, die in Pippi selbst leise sind. Annika wiederum findet in Pippi das Mutige, das Laute, das Unkonventionelle – Anteile, die in ihr schlummern, aber selten Beachtung finden. Sie bauen sich gegenseitig Brücken zu sich selbst.
Das ist das Geschenk solcher Freundschaften: Die andere lebt etwas vor, das in uns selbst noch keinen Ausdruck gefunden hat. Sie weckt diesen Anteil auf, animiert ihn, lässt ihn im sicheren Rahmen aufblühen. Mit so einer Freundin entdeckt und lebt man Facetten von sich, die man nie für möglich gehalten hätte.
Nach vielen Jahrzehnten persönlichen Wachstums weiß ich heute: Ich liebe meinen Annika-Anteil. Ich muss den Pippi-Anteil nicht mehr in mir erzwingen. Ich darf ihn durch und mit meinen Freundinnen genießen und ausleben.
Wenn gegensätzliche Anteile koexistieren
Kennst du Elsa aus „Die Eiskönigin”? Jahrelang lebt sie nach dem Mantra: „Conceal, don’t feel” – verberge dich, zeig nichts, kontrolliere alles. Die Angst, jemandem mit ihrer Kraft zu schaden, lässt sie sich von allen isolieren. Sie wird zur perfekt angepassten Prinzessin – bis sie bei ihrer Krönung die Kontrolle verliert, ihre Magie ungewollt sichtbar wird und sie aus Scham in die Berge flieht. Unbeobachtet und ohne Erwartungen lernt sie loszulassen. Sie wird wild, ungezähmt – und erschafft sich einen Eispalast nach ihren Wünschen.
Ihre Geschichte endet aber nicht damit.
Elsas Transformation ist erst vollständig, als sie erkennt: Liebe ist die integrierende Kraft. Nicht Unterdrückung, nicht Isolation – sondern die liebevolle Annahme beider Anteile. Die kontrollierte Königin und die wilde Magierin dürfen koexistieren.
Geliebte und ungeliebte Stimmen
Mit dem Modell der inneren Anteile aus der systemischen Therapie und Kommunikationspsychologie begegnen wir ihnen allen – den geliebten und den ungeliebten Stimmen. Statt zu kapitulieren oder die negativen Stimmen zu bekämpfen, lohnt sich die Frage: Welche Funktion erfüllst du?
Oft stellt sich heraus: Auch die vermeintlich schwierigen Stimmen meinen es gut. Die Perfektionistin will z.B. vor Kritik schützen. Die Ängstliche vor Verletzung. Die Angepasste sichert Zugehörigkeit. Wenn wir ihre Absicht verstehen, können wir mit ihnen kooperieren – statt uns von ihnen tyrannisieren zu lassen.
Dein inneres Bühnenstück verstehen
In meinen Coaching-Stunden können wir uns gern diesem Thema widmen. Ich unterstütze dich dabei, deine aktuell wichtigen Anteile zu definieren. Anschließend darfst du ihnen durch Holzfiguren ein Gesicht geben, um sie dann auf deine innere Bühne, ein Brett, zu stellen. Sei gespannt, wie dein Prozess weitergeht!
Deine inneren Anteile warten jedenfalls darauf, gesehen und verstanden zu werden. Vielleicht entdeckst du dabei deine innere Pippi. Vielleicht feierst du deine Annika. Vielleicht findest du, wie Elsa, einen Weg, beides zu integrieren.

Wir tun gut daran, uns zu erinnern, dass sich unsere Teile verändern und wir uns immer in einem Prozess des Sortierens, Veränderns, Hinzufügens und Loslassens befinden. Das gehört mit zu dem Wunder, dass wir darstellen.
Unabhängig von dem, was sich verändert oder gleich bleibt: Die Tatsache, dass ich einzigartig bin, verändert sich nie.
Virginia Satir





